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Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman von Uwe TellkampGebundene Ausgabe von Suhrkamp VerlagPreis bei Amazon: EUR 24,80, Angebote ab EUR 18,50 ![]() 3 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung) ISBN: 3518420208, Erscheinungsdatum: Sept. 2008, Auflage: 1 |
5 Kundenrezensionen:Besser als jede Schlaftablette 1 von 5 PunktenIch habe dieses "Werk" geschenkt bekommen - und dem Schenkenden zu dessen Entsetzen erst einmal die Ouvertüre vorgelesen.... Dann hatte ich die Hoffnung, dass im Verlauf der nächsten Seiten sich der Stil bessert oder dass sich eine wenigstens rudimentäte Handlung oder doch irgendeine Aussage herauskristallisiert: Die Hoffnung wurde enttäuscht. Endlossätze, wirres Gestammel und eine affetkierte Interpunktion machen das Lesen darüberhinaus zur Qual. Aber wenn man jeden Satz dreimal lesen muss, um ihn annähernd zu verstehen, dann muss es ja wohl gehobene Literatur sein. Vermutlich ging es den Juroren des Buchpreises genauso: ich habe den Veracht, dass keiner von Ihnen das Buch zu Ende gelesen hatte, aber niemand sich getraut hat, das zuzugeben. Anders ist die Vergabe eines Preises nicht zu erklären. Fazit: das Buch wird in unserer Altpapiertonne landen. Der Turm 2 von 5 PunktenDer Anfang des Romans verlangt vom Leser die Umstellung auf Endlossätze mit gewaltigen bildträchtigen Wortschöpfungen. Hat er sich darauf eingelassen, kämpft er sich zunächst optimistisch durch den Dschungel der einzelnen Schauplätze und bemüht sich, die zahlreichen Gestalten kennenzulernen. Dann beginnt das große Warten auf einen Handlungsstrang. Immer neue Momentaufnahmen reihen sich hintereinander, aber wo bleibt der rote Faden? Hin und wieder keimt vergeblich Hoffnung auf, einen zu entdecken, aber dann reißt er wieder und macht neuen Bildern Platz, die wie aus dem Zusammenhang gerissen auftauchen. Vergeblich blättert man ein paar Seiten zurück, um sicher zu sein, nichts überlesen zu haben. Schließlich wird der Leser ärgerlich und geht zum Diagonallesen über. Wer sich ein Bild der untergehenden DDR machen will, ist hier im falschen Buch. Mag sein, dass einige Intellektuelle die DDR so erlebt haben, für den "normalen Sterblichen" ist das kaum nachvollziehbar. Als Informationsquelle kann dieses Buch also kaum dienen. Als Roman eigentlich auch nicht. Anerkennen muss man allerdings das besondere Talent des Autors, bildreiche Worte in kunstvollen Satzgefügen niederzuschreiben. Vielleicht versucht er es ja eines Tages noch mal mit einem "richtigen" Roman. Sehr empfehlenswert, weiß nicht, wie es auf DDR-unerfahrene Leser wirkt 5 von 5 PunktenDieses Buch empfehle ich allen, die mit der DDR noch in Kontakt gekommen sind. Sei es auch nur, so wie ich, als Kind und damit später durch die Erzählungen meiner Eltern. Ich weiß nicht, wie andere Leser dieses Buch wahrnehmen. Ich freue mich auf die Diskussionen mit meinen Bekannten darüber. Für mich schon mal sehr positiv: dieses Buch regt dazu an! Mich hat dieses Buch ausgesprochen lebendig in die damalige Gesellschaft und in die Familie wie in eine andere Welt versetzt. Diesbezüglich vergleiche ich dies mit Franzens "Die Korrekturen" oder ja, auch mit den Buddenbrooks. Diese Welt ist sehr intensiv, sehr detailliert beschrieben. Dieses Buch ist denkbar ungeeignet um nach einem harten Arbeitstag mal schnell noch 3 Seiten im Bett zu lesen. Es kommt mit einer derartigen Sprachgewalt daher, die für mich auch teilweise zu lyrisch ist. Ich wage die Behauptung, dass Uwe Tellkamp absichtlich die ersten 100 Seiten als einen Vorraum zu einer Galerie verfasst hat: "Kommt herein, gewöhnt Euch an die Ruhe, lernt wieder intensiv wahrzunehmen." Wer sich daran artig hält, ohne ängstlich wieder hinauszulaufen, der wird reichlich belohnt! Meine Belohnung war eine mögliche Antwort auf die Frage, wie hätte meine Jugend in diesem System aussehen können. Außergewöhnlich und glanzvoll 5 von 5 PunktenEs ist in der Tat so, dass Literatur häufig wirklicher ist als die Realität. Einen Beweis bietet das außergewöhnliche Buch von Uwe Tellkamp. Nicht nur ist es eine glanzvolle literarische Leistung - "Der Turm" ist das wohl bedeutendste Buch, das in den letzten Jahren erschienen ist, es ist auch ein "Geschichtsbuch" der Extraklasse. Und der Deutshce Buchpreis 2008 war ausnahmsweise einmal merh als verdient. Die Geschichte vom Untergang der DDR und des real existierenden Sozialismus' muss an dieser Stelle nicht nacherzählt werden. Tellkamp lesen aber heißt, wissen wie es war. Anhand des Mikrokosmos Dresden erkennt der Leser den "Makrokosmos" DDR. Und die Protagonisten des Romans sind ausgezeichnete "Repräsentanten" dieser - wenn man so will - beschriebenen Epoche. Das allein rechtfertigt bereits den Enthusiasmus, der bei der Lektüre aufkommt. Wer dann noch eigene biographische Erfahrungen hat, ist schließlich im wahrsten Sinne mittendrin in der Geschichte. PROMISE LAND 4 von 5 PunktenAngesichts der überbordenden DDR-Nostalgie, die das versunkene Land mittlerweile in allen Farben des Regenbogens und mit durch die Luft fliegenden, gebratenen oder gesottenen Hühnchen zeichnet, und die Zeichner in Massen mit (mehreren) Tränen in mehreren Knopflöchern, sich gegenseitig im Chor (mit dem Text "KEIN SCHÖNER LAND IN DIESER ZEIT") an Lautstärke zu überbieten suchen, möchte ich Uwe Tellkamp alle verfügbaren Hände schütteln!!! Durchforstet man die Leserzuschriften der Zeitungen aus den NEUEN Bundesländern, stockt einem der Atem. Stammte ich nicht von dort, ich würde glauben, dieses "PROMISE LAND" sei eine gemütliche Kleingartenanlage mit Freibierausschank, täglich kostenfreien Banketts und immerwährendem Sonnenschein. Tellkamp, ein waschechter DDR-Bürger, hat mit diesem Werk erhebliches, und nicht zuletzt gegen diese Verklärung geleistet! Offensichtlich ist es für Ost-Intellektuelle noch nicht "IN" linkslastige Propaganda nach oder vor zu plappern. Er beschreibt die Komplett-Marode detailgetreu, ja genussvoll genau und schildert mit Bildgewalt das Wachsen der Empörung. Einer Empörung, die letztendlich, vom Fehlen russischer Rückendeckung begünstigt, das Ende dieses damals noch verhassten Staatsgebildes einleitete. Ich möchte ihm zu rufen : "Bravo, Uwe!" und kann niemanden verstehen, der sich einen Wälzer dieses Ausmaßes kauft, um danach erstaunt fest zu stellen, dass er fast 1000 Seiten enthält. Wer es gerne etwas rockiger, unterhaltsamer und kurzweiliger hat, dem sind eher Bücher geringeren Umfangs zu empfehlen. Zum Beispiel der (allerdings nicht immer jugendfreie) Roman von Tim Weidner: "Der verliebte Koch"!!! od. DBC Pierre: "Jesus von Texas". |
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Der Eisvogel von Uwe TellkampBroschiert von Rowohlt Tb.Preis bei Amazon: EUR 8,95, Angebote ab EUR 5,00 ![]() 4 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung) ISBN: 3499242354, Erscheinungsdatum: Mai 2006 |
Aus der Amazon.de-RedaktionWiggo Ritter hat Mauritz, seinen besten Freund, erschossen und liegt mit schweren Brandwunden in einer Klinik. Die Geschichte, die als Krimi beginnt, entwirrt sich nur langsam: In Erinnerungsfetzen Wiggos, Gesprächen mit seinem Anwalt, Stellungnahmen von Freunden und Familienangehörigen. Wir lernen einen Gescheiterten kennen, der am Leben und der Gesellschaft leidet. Aus reicher Bankiersfamilie stammend, hat er gegen die Kapitalistenwelt seines Vaters rebelliert und ist Philosoph geworden. Doch nach einem Streit mit seinem Professor ist auch dieser Weg verbaut. Da kommen Mauritz und seine Schwester Manuela daher und verdrehen Wiggo den Kopf -- Manuela mit ihrer kühlen Schönheit, Mauritz mit der revolutionären Utopie einer konservativen Elitegesellschaft. er spann wahre Satzlianen, ausschweifende, komplexe, reiche Perioden; aber es wollte lange kein Raum entstehen, die Sätze, die man las, glichen zersplitterten und wieder gekitteten Blumenvasen, man hatte den Eindruck, dass die Scherben nicht in der regelrechten Ordnung zusammengefügt waren -- Wiggos Urteil über das Buch eines kühnen Schriftstellers gilt in weiten Strecken auch für Der Eisvogel. Ein kunstvolles Gebilde aus Stimmen, Zeitebenen, Bildern und Erinnerungssplittern einer Kindheit in Südfrankreich. Keine leichte Kost, aber Tellkamp gelingen Passagen von poetischer Schönheit, und vor allem den Vater-Sohn-Konflikt schildert er beeindruckend. Reichlich misslungen dagegen ist der politische Handlungsstrang des Romans: dieser Mauritz ist eine Witzfigur, ein Möchtegern-Charismatiker mit seiner Organisation Wiedergeburt, die auch vor Terror nicht zurückschreckt, um die Gesellschaft zu heilen und einen Kastenstaat mit Ordnung und neuen-alten Werten zu schaffen. Und alles, was Wiggo, dieser angeblich so begabte akademische Philosoph, an philosophischen Gedanken äußert, ist unglaubwürdig und banal. Auch die bildmächtige Sprache Tellkamps stürzt zwischendurch heftig ins Klischeehafte. Etwa wenn Wiggo aufs Arbeitsamt geht und es dort -- natürlich! -- nach Discounter-Zigaretten, schlechter Seife und billigem Parfum riecht. Uwe Tellkamp gewann 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde von einigen Jurymitgliedern schon als neuer großer Autor gefeiert. Der Eisvogel beweist Sprachtalent, aber um gute oder sogar große Romane zu schreiben, braucht es ganz offensichtlich mehr als das. --Christian Stahl 5 Kundenrezensionen:The artist in accord with himself 5 von 5 PunktenWhen critics disagree, the artist is in accord with himself (Oscar Wilde) Leider gibt es - übrigens nicht nur bei Amazon, aber besonders dort - immer wieder Rezensenten, die die Grenzen ihrer eigenen Auffassungsgabe, ihres Verständnisses zum Maßstab eines Urteils machen. Sie beschweren sich dann (alle folgenden Bsp. stammen von Amazonkunden zu Tellkamps Büchern), dass ein Buch zu langatmig oder zu kompliziert sei, dass sie dieses oder jenes Wort nicht kennen, dass sie anspruchsvollen Satzkonstruktionen nicht folgen können, dass ihnen das Buch zu ernst oder - je nach Gusto - zu verspielt wäre etc., kurz, sie machen ihren Geschmack zum Richtmaß an dem Qualität festzumachen wäre. Aber ob jemandem ein Buch gefällt oder nicht, ist in dieser Hinsicht vollkommen irrelevant, die Frage lautet: ist es gut oder schlecht? Und dass dieses Buch - Tellkamps "Eisvogel" - gut, sehr gut, ja exzellent ist, kann einfach nicht bezweifelt werden oder eben nur mit handfesten, wenn man so will: objektiven Argumenten. Das Buch ist unglaublich clever konstruiert, es ist in seinen Aussagen und der Gesamtaussage durchdacht und oft sogar tief (und das soll kein Vorwurf sein!), es besticht durch originelle Wahrnehmungen, es ist sprachlich anspruchsvoll, es spielt gekonnt mit Witz, Ironie und Zynismus (ein Rezensent schrieb, dass der Roman kein gutes Gefühl bei ihm hinterlassen habe, weil er völlig ohne Lächeln geschrieben zu sein scheint - kaum zu glauben! Ich musste unzählige Male lachen und lächeln), in ihm sind überzeugende, wenn sicher hin und wieder auch zu überspitzte (Mauritz, Vater, Wiggo selbst), Psychogramme enthalten, es zeigt ein beeindruckendes Szene-Verständnis, es problematisiert auf vielschichtige Weise die postmoderne Nachwendegesellschaft, vor allem, und das ist das Wichtigste: es stellt die entscheidenden Fragen! Was will man also mehr? Was, bitteschön, soll ein Buch noch leisten, um allgemeine Anerkennung zu finden? Mag sein, dass es den ungeübten Leser, ohne eine gewisse philosophische, artistische, kulturhistorische, ästhetische Vorschule überfordert, doch sollte man sich dagegen wehren!: gegen den Ruf nach Nivellierung und Niveausenkung! Wer den Mann ohne Eigenschaften als zu überladen ansieht, wem Jünger politisch zu gewagt ist, Joyce zu wirr, wer den Zauberberg zu intellektuell findet und Henry James langweilig, wird, ja muss an diesem Autor scheitern. Der Connaisseur darf es freilich anders sehen. Tellkamp jedenfalls scheint das Zeug zu haben, wenn nicht alles täuscht, in obige Phalanx literarischer Meister einzudringen. Sapienti sat. NB: Ein Buch, das ich persönlich enorm genießen konnte - aber das spielt selbstredend bei der Beurteilung keine Rolle. Und für alle, die vom weltanschaulichen, politischen oder gar ethischen Gesichtspunkt her argumentieren und kritteln, noch einmal Oscar Wilde: There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all. Ein Erstling mit großen Ambitionen 5 von 5 PunktenGerade unter dem Eindruck des preisgekrönten Romans "Der Turm" ist ein Hinweis auf ein früheres Buch von Uwe Tellkamp sicher nicht verkehrt. Mit "Der Eisvogel" hat sich schon herauskristallisiert, was in diesem Autor steckt. Wiggo Ritter, ein Mann mit besten Voraussetzungen für eine glanzvolle Karriere. Statt Bankier allerdings ist er gegen den Wunsch des Vaters Philosoph geworden - und gescheitert. Sehr gut vom Autor herausgearbeitet: der Vater-Sohn-Konflikt. Da begegnet er dem Geschwisterpaar Mauritz und Manuela. Sie gehören einer Art Geheimbund von konservativen Terroristen an, die durch einen Umsturz eine neue Elite etablieren wollen. Tellkamp schildert ausführlich in Gesprächspartien das Gedankengut dieser Gruppe, finanziert von Reichen und Superreichen dieser Republik. Manchmal ein wenig zu ausführlich, sodass der Handlungsablauf etwas gestört wirkt. Dieser Gruppe ist Wiggo ein willkommenes Mitglied. Er, der nichts mehr zu verlieren hat, entwickelt sich zu einem hoffnungsvollen Mitverschwörer. Die Mittel, mit denen die Gruppe agieren will, ähneln allerdings verteufelt dem, was wir in den Achtundsechzigern erlebt haben nur mit anderen Vorzeichen. Doch dann verliebt sich Wiggo in Manuela, gefährdet so nicht nur den Umsturzplan, sondern die gesamte Organisation und nicht zuletzt sich selbst. Uwe Tellkamp erzählt mit für einen Erstling erstaunlicher großer Professionalität, weiß die dramatischen Akzente richtig zu setzen, schreibt kraftvoll und poetisch. Der gesellschaftskritische Ansatz gibt Stoff zum Nachdenken. Und die Geschichte von Liebe und Sehnsucht, von tödlicher Gefahr und einem Schuss Sozialpathos ist auch in ihrer literarischen Ausgestaltung sehr schlüssig. Gedanken voller Gedankenstrich ... 4 von 5 PunktenEin Buch der Gedankenstriche ist ein Buch, das mehr sagen will, als es zu sagen vorgibt, als es zu sagen glaubt, als es zu sagen ausspricht, als es für sagbar hält. In den wichtigsten Passagen bleibt es stumm, redet nur noch zwischen den Zeilen, zwischen den Worten, zwischen Leser und Buch und spannt eine Bedeutung auf, eine Reißlinie, zwischen der plötzlich Altes mit Neuem vermischt, sich verwischt und aufweist, was so nicht hätte gesagt werden können, wenn man nicht buchstäblich den Leser und seine Biografie selbst in es hineingerissen hätte. Tellkamp, einer der wichtigen Autoren in den Klagenfurter Texten von 2004, lässt hier an Erzählformen erinnern, die man vielleicht von Alfred Döblin her kennt, von modernen Autoren, die die Moderne anfangs nur als stille Teilhaber mit geprägt und der deutschen Literatur doch ihren Prägestempel aufgedrückt haben. Vielleicht ist Tellkamp in diesem Sinne ein Autor, der mit Sprache und Bildern Neues zu sagen wagt, indem er Erlebtem in neuer Sagweise zum Durchschein verhilft. So ist dieser Roman Vater-Sohn-Konflikt, Gesellschaftsanalyse und Liebesgemälde zugleich, ein neu zu errichtendes Gebäude in allem, das in bisherigem Sagbarem immer nur einzustürzen droht. Ein sehr poetisches, ein im Gesagten irgendwie neues Buch, das atemlos lesen macht. Welch positive Überraschung... 5 von 5 PunktenSie werden dieses Buch nicht mögen, wenn sie mit einem durchschnittlichen Thriller oder Krimi rechnen, auch nicht, wenn sie es auf die klassische "hohe Literatur" abgesehen haben. Wenn sie aber Freude an einem intelligenten Text haben, der auch noch nicht ganz anspruchslos, sogar sprachlich innovativ (und damit ist der Bachmannpreis hier absolut gerechtfertigt) und schließlich noch spannend ist, könnte Ihnen dieses Buch gefallen. Gesellschaftsterror "on the top" 4 von 5 Punkten- "Regisseur" Uwe Tellkamp präsentiert in Form eines "Romans" Germanisierungsoptimismus in "Der Eisvogel" Perspektivlosigkeit, Familienproblematiken und der Abrutsch eines intelligenten Menschens in ein Leben, fixiert auf eine revolutionsorientierte Terroreinheit. Eine nicht von der Hand zu weisende Realitätsnähe ist es, was dieser Geschichte eine fesselnde Wirkung verabreicht. Wie ein Fakir liegen die Entwicklungen bereits zu Anfang in der Luft, doch der Weg zu dem Ende ist hier das Ziel, wie bei Konfuzius. Dieser Weg wird auf sehr individuelle Tellkamp-Art nicht gerade auf dem Silbertablett serviert. Viel mehr sind die zu servierenden Stücke zerschnitten und im Raum verteilt. Um das 318 Seiten starke Ostereibuch in einen Korb zu sammeln, braucht man als Leser Energie und Ruhe. Es scheint als wäre Tellkamp ein Prajnaparamita, der das gesamte Buch mit mehreren Armen geschrieben hat. In jedem Arm eine Geschichte und abwechselnd benutzt, da jedem Arm wohl mal Ruhe gegönnt sein solle. So bestand das Jurorentum des Bachmannpreises wohl aus Menschen des Interessegebietes der alten chinesischen Thangkas-Kunst. Oder doch aus Bekennern der komplizierten Montage. Wie auch immer; Uwe Tellkamp wurde hoch gelobt und so bekam er den Bachmann-Preis. Der damit zusammenhängende Geldregen, den er von Tausenden Schülern des Zentralabiturjahrgangs gespendet bekommen hat, wird für ihn nicht nur nebenläufig sein, wie Bodyguards, auch wenn er sich solche nun leisten könnte. Man muss seinen diskutablen Schreibstil also einfach als in der Öffentlichkeit angesehen akzeptieren, da er nun populär ist und über ihn dikutiert wird. Seine Werke werden nicht Jedermann umhauen wie ein Ringer, viel mehr ist es klar individuell veranlagt. Es soll ja auch Menschen geben, die einen Rembrandt auf den Müll wandern ließen. Wenn er nicht so viel wert wäre. Ich möchte Tellkamp nicht mit Rembrandt vergleichen, aber es scheint ja so, als würden die in der Literatur Inhaftierten sein Werk hoch ansehen. Doch man kann auf keinen Fall sagen, dass er so hoch anzusehen ist, dass er unantastbar wird, wie die Luft selbst. Er hat einfach seinen unverwechselbaren Stil, wie jeder Leser bemerken wird. Nach dem Vollenden des Lesens wird also jeder etwas mit dem Tellkampischen Stil anzufangen wissen, der vielleicht schon vorher von anderen Autoren angewandt wurde, aber auch Tellkamp soll ja einen Begriff prägen dürfen. Mit diesem Stil erzählt Tellkamp nun die Geschichte von dem aus einer wohlhabenden Bankierfamilie stammende Wiggo Ritter, der ein studierter Philosoph ist, welcher in Kluft mit seinem Vater steht. Dieser ist ein tyrannischer Erfolgsmann, der die junge Generation für Waschlappen hält. Aufgrund der Perspektivlosigkeit Wiggos nach einem Streit mit seinem ihn eigentlich hoch ansehenden Professor schließt er sich einer radikalen "Einheit" an, die die Abschaffung der Demokratie anstrebt und diese durch eine radikal konservative Regierung ersetzen will. So soll die "Terroreinheit", die aus der intelligenter Bevölkerung aus vielen sozialen Schichten besteht, die gesamte übrige Bevölkerung beherrschen, was als "Utopia" durchgängig thematisiert wird. Diese Revoluvergruppe wird geführt von Mauritz, der verrückte Züge annimmt. Er und seine hübsche Zwillingsschwester Manuela ziehen Wiggo in ihren Bann. Der Schreibstil des Autors ist gewöhnungsbedürftig und es bedarf einiger Zeit, die vielen Perspektivenwechsel einzuordnen. Nachdem man sich allerdings an die Personenwechsel, die teilweise in unpassender Abfolge dargeboten werden, gewöhnt hat, werden dem Leser viele Informationen auf engem Raum geliefert. Man verliert nie den Anschluss an die Gedankengänge der Einzelnen und so wird das Werk nicht zu einem langweiligen Einheitsbrei. Denn es wird Konzentration und Kombinierungssinn gefordert, entgegengesetzt zu den allzu bekannten lahmen, chronologisch abfolgenden Hypnotikas. Es ist, als solle man ein kompliziertes Gebilde aus mehreren verschiedenen Mosaikteilen zusammenpuzzeln. Der Effekt einer Palette Red Bull wird im Kopfe des Lesers verlangt, woraufhin man annehmen kann, dass das Lesen nur mit salzsäuriger Konzentration einen Stromfluss im Caput auslöst und diesen nicht kaputt macht. Doch wie bereits erwähnt, ist der Vorteil, dass man dank dem ständigen Wechsel von den wichtigen Personen, wie auf der Bayern-Ersatzbank, nie den Anschluss verliert. Im Gehirn des Konsumenten wirkt nach jedem Personenumschwung ein Alarm, der das Gehirn aufweckt aus den vorgehenden autobahnlangen Passagen. Nun können sich die Gehirnleitungen den Stecker zu der neuen Person suchen und sich schon bereit machen für den nächsten Marathonlauf. Das Thema des Inhalts ist ansprechend, weil im aktuellen Leben vorstellbar. Die Arbeitslosigkeit von Wiggo ist ein typisches Schicksal der heutigen Gesellschaft. Der daraus folgende Anschluss an eine terroristische Vereinigung ist zwar etwas fern - aber ist es nicht gerade diese possible Lebensführung die ein Werk so schmackhaft macht? Denn terroristische Vereinigungen sind derzeit oft in den Nachrichten vertreten und somit ist es nicht auszuschließen, dass ein intelligenter, aber abgespaltener Mensch in eine solche Organisation gerät. Denn Gehirnwäsche wirkt ja im Gehirn...und da wo viel Hirn ist, kann man förmlich kästenweise Terroristen-Persil durch die Ohren und Augen einflößen und bei 180 Mitterroristen waschen. Üble Kritik und der Drang nach radikaler Umstürzung des heutigen Systems sind Merkmale von Mauritz, der wohl die Grundzüge eines typischen Terroranführers repräsentiert. Wie er auf seine Umwelt wirkt und welche Veränderungen ein solcher Mensch bei seinen Anhängern bewirken kann, ist mit der neusten Waschpulverformel von Oxi-clean zu vergleichen. Ernsthaft ein sehr umstrittenes und interessantes Thema, welches zur richtigen Zeit behandelt wurde. Ein geschickter Schachzug des Autors. Das Resultat der Anreihung von Sätzen, die die Augen zu marathonartigen Anstrengungen zwingt, und Konzentration fordert, als wenn man bei laufendem Fernseher und dunkelem Licht mathematische Formeln verstehen möchte, hat Uwe Tellkamp, wie zu Anfang erwähnt, zu dem Bachmann Preis verholfen. Seine gefühlskalten und präzisen Beschreibungen schaffen eine Athmosphäre ohne ungeklärte Fragen, aber die Emotionslosigkeit lässt die Geschichte etwas ungewürzt. Seine Redewendungen sind wohl oft übertrieben in Hinblick auf Länge und auch Formulierung. Er setzt Vergleiche an, die ein durchschnittlicher PISA-Studie-Absolvent erst einmal in den Weiten des World-Wide-Web nachforschen muss, um des Rätsels Lösung herbeizurufen. So versucht Tellkampissimo, seinem wohl nicht letztem Mahl die so vermisste Würze beizufügen. Ob diese Methode allerdings nicht das Maß an Red-Bull-Vorrat in Deutschland übersteigt, ist eine Frage, die sich in Fuschl am See gestellt werden muss. Vielleicht hätte Herr Tellkamp Tim Melzer hinzuziehen sollen, der ihm die richtige Art zu würzen beibringen dürfte. Doch möglicher Weise muss ein Leser dieses Werkes einen E.on-Anschluss für Gehirnströme haben, um dem Standart der Charaktäre der Elite zu genügen. Wer weiß ob ein solcher Sinnzusammenhang zwischen Thema und Leser gewollt ist. |
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Der Eisvogel von Uwe TellkampGebundene Ausgabe von Rowohlt, BerlinPreis bei Amazon: EUR 8,90, Angebote ab EUR 4,90 ![]() 4 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung) ISBN: 3871345229, Erscheinungsdatum: 2005, Auflage: 2 |
Aus der Amazon.de-RedaktionWiggo Ritter hat Mauritz, seinen besten Freund, erschossen und liegt mit schweren Brandwunden in einer Klinik. Die Geschichte, die als Krimi beginnt, entwirrt sich nur langsam: In Erinnerungsfetzen Wiggos, Gesprächen mit seinem Anwalt, Stellungnahmen von Freunden und Familienangehörigen. Wir lernen einen Gescheiterten kennen, der am Leben und der Gesellschaft leidet. Aus reicher Bankiersfamilie stammend, hat er gegen die Kapitalistenwelt seines Vaters rebelliert und ist Philosoph geworden. Doch nach einem Streit mit seinem Professor ist auch dieser Weg verbaut. Da kommen Mauritz und seine Schwester Manuela daher und verdrehen Wiggo den Kopf -- Manuela mit ihrer kühlen Schönheit, Mauritz mit der revolutionären Utopie einer konservativen Elitegesellschaft. er spann wahre Satzlianen, ausschweifende, komplexe, reiche Perioden; aber es wollte lange kein Raum entstehen, die Sätze, die man las, glichen zersplitterten und wieder gekitteten Blumenvasen, man hatte den Eindruck, dass die Scherben nicht in der regelrechten Ordnung zusammengefügt waren -- Wiggos Urteil über das Buch eines kühnen Schriftstellers gilt in weiten Strecken auch für Der Eisvogel. Ein kunstvolles Gebilde aus Stimmen, Zeitebenen, Bildern und Erinnerungssplittern einer Kindheit in Südfrankreich. Keine leichte Kost, aber Tellkamp gelingen Passagen von poetischer Schönheit, und vor allem den Vater-Sohn-Konflikt schildert er beeindruckend. Reichlich misslungen dagegen ist der politische Handlungsstrang des Romans: dieser Mauritz ist eine Witzfigur, ein Möchtegern-Charismatiker mit seiner Organisation Wiedergeburt, die auch vor Terror nicht zurückschreckt, um die Gesellschaft zu heilen und einen Kastenstaat mit Ordnung und neuen-alten Werten zu schaffen. Und alles, was Wiggo, dieser angeblich so begabte akademische Philosoph, an philosophischen Gedanken äußert, ist unglaubwürdig und banal. Auch die bildmächtige Sprache Tellkamps stürzt zwischendurch heftig ins Klischeehafte. Etwa wenn Wiggo aufs Arbeitsamt geht und es dort -- natürlich! -- nach Discounter-Zigaretten, schlechter Seife und billigem Parfum riecht. Uwe Tellkamp gewann 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde von einigen Jurymitgliedern schon als neuer großer Autor gefeiert. Der Eisvogel beweist Sprachtalent, aber um gute oder sogar große Romane zu schreiben, braucht es ganz offensichtlich mehr als das. --Christian Stahl 5 Kundenrezensionen:The artist in accord with himself 5 von 5 PunktenWhen critics disagree, the artist is in accord with himself (Oscar Wilde) Leider gibt es - übrigens nicht nur bei Amazon, aber besonders dort - immer wieder Rezensenten, die die Grenzen ihrer eigenen Auffassungsgabe, ihres Verständnisses zum Maßstab eines Urteils machen. Sie beschweren sich dann (alle folgenden Bsp. stammen von Amazonkunden zu Tellkamps Büchern), dass ein Buch zu langatmig oder zu kompliziert sei, dass sie dieses oder jenes Wort nicht kennen, dass sie anspruchsvollen Satzkonstruktionen nicht folgen können, dass ihnen das Buch zu ernst oder - je nach Gusto - zu verspielt wäre etc., kurz, sie machen ihren Geschmack zum Richtmaß an dem Qualität festzumachen wäre. Aber ob jemandem ein Buch gefällt oder nicht, ist in dieser Hinsicht vollkommen irrelevant, die Frage lautet: ist es gut oder schlecht? Und dass dieses Buch - Tellkamps "Eisvogel" - gut, sehr gut, ja exzellent ist, kann einfach nicht bezweifelt werden oder eben nur mit handfesten, wenn man so will: objektiven Argumenten. Das Buch ist unglaublich clever konstruiert, es ist in seinen Aussagen und der Gesamtaussage durchdacht und oft sogar tief (und das soll kein Vorwurf sein!), es besticht durch originelle Wahrnehmungen, es ist sprachlich anspruchsvoll, es spielt gekonnt mit Witz, Ironie und Zynismus (ein Rezensent schrieb, dass der Roman kein gutes Gefühl bei ihm hinterlassen habe, weil er völlig ohne Lächeln geschrieben zu sein scheint - kaum zu glauben! Ich musste unzählige Male lachen und lächeln), in ihm sind überzeugende, wenn sicher hin und wieder auch zu überspitzte (Mauritz, Vater, Wiggo selbst), Psychogramme enthalten, es zeigt ein beeindruckendes Szene-Verständnis, es problematisiert auf vielschichtige Weise die postmoderne Nachwendegesellschaft, vor allem, und das ist das Wichtigste: es stellt die entscheidenden Fragen! Was will man also mehr? Was, bitteschön, soll ein Buch noch leisten, um allgemeine Anerkennung zu finden? Mag sein, dass es den ungeübten Leser, ohne eine gewisse philosophische, artistische, kulturhistorische, ästhetische Vorschule überfordert, doch sollte man sich dagegen wehren!: gegen den Ruf nach Nivellierung und Niveausenkung! Wer den Mann ohne Eigenschaften als zu überladen ansieht, wem Jünger politisch zu gewagt ist, Joyce zu wirr, wer den Zauberberg zu intellektuell findet und Henry James langweilig, wird, ja muss an diesem Autor scheitern. Der Connaisseur darf es freilich anders sehen. Tellkamp jedenfalls scheint das Zeug zu haben, wenn nicht alles täuscht, in obige Phalanx literarischer Meister einzudringen. Sapienti sat. NB: Ein Buch, das ich persönlich enorm genießen konnte - aber das spielt selbstredend bei der Beurteilung keine Rolle. Und für alle, die vom weltanschaulichen, politischen oder gar ethischen Gesichtspunkt her argumentieren und kritteln, noch einmal Oscar Wilde: There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all. Ein Erstling mit großen Ambitionen 5 von 5 PunktenGerade unter dem Eindruck des preisgekrönten Romans "Der Turm" ist ein Hinweis auf ein früheres Buch von Uwe Tellkamp sicher nicht verkehrt. Mit "Der Eisvogel" hat sich schon herauskristallisiert, was in diesem Autor steckt. Wiggo Ritter, ein Mann mit besten Voraussetzungen für eine glanzvolle Karriere. Statt Bankier allerdings ist er gegen den Wunsch des Vaters Philosoph geworden - und gescheitert. Sehr gut vom Autor herausgearbeitet: der Vater-Sohn-Konflikt. Da begegnet er dem Geschwisterpaar Mauritz und Manuela. Sie gehören einer Art Geheimbund von konservativen Terroristen an, die durch einen Umsturz eine neue Elite etablieren wollen. Tellkamp schildert ausführlich in Gesprächspartien das Gedankengut dieser Gruppe, finanziert von Reichen und Superreichen dieser Republik. Manchmal ein wenig zu ausführlich, sodass der Handlungsablauf etwas gestört wirkt. Dieser Gruppe ist Wiggo ein willkommenes Mitglied. Er, der nichts mehr zu verlieren hat, entwickelt sich zu einem hoffnungsvollen Mitverschwörer. Die Mittel, mit denen die Gruppe agieren will, ähneln allerdings verteufelt dem, was wir in den Achtundsechzigern erlebt haben nur mit anderen Vorzeichen. Doch dann verliebt sich Wiggo in Manuela, gefährdet so nicht nur den Umsturzplan, sondern die gesamte Organisation und nicht zuletzt sich selbst. Uwe Tellkamp erzählt mit für einen Erstling erstaunlicher großer Professionalität, weiß die dramatischen Akzente richtig zu setzen, schreibt kraftvoll und poetisch. Der gesellschaftskritische Ansatz gibt Stoff zum Nachdenken. Und die Geschichte von Liebe und Sehnsucht, von tödlicher Gefahr und einem Schuss Sozialpathos ist auch in ihrer literarischen Ausgestaltung sehr schlüssig. Gedanken voller Gedankenstrich ... 4 von 5 PunktenEin Buch der Gedankenstriche ist ein Buch, das mehr sagen will, als es zu sagen vorgibt, als es zu sagen glaubt, als es zu sagen ausspricht, als es für sagbar hält. In den wichtigsten Passagen bleibt es stumm, redet nur noch zwischen den Zeilen, zwischen den Worten, zwischen Leser und Buch und spannt eine Bedeutung auf, eine Reißlinie, zwischen der plötzlich Altes mit Neuem vermischt, sich verwischt und aufweist, was so nicht hätte gesagt werden können, wenn man nicht buchstäblich den Leser und seine Biografie selbst in es hineingerissen hätte. Tellkamp, einer der wichtigen Autoren in den Klagenfurter Texten von 2004, lässt hier an Erzählformen erinnern, die man vielleicht von Alfred Döblin her kennt, von modernen Autoren, die die Moderne anfangs nur als stille Teilhaber mit geprägt und der deutschen Literatur doch ihren Prägestempel aufgedrückt haben. Vielleicht ist Tellkamp in diesem Sinne ein Autor, der mit Sprache und Bildern Neues zu sagen wagt, indem er Erlebtem in neuer Sagweise zum Durchschein verhilft. So ist dieser Roman Vater-Sohn-Konflikt, Gesellschaftsanalyse und Liebesgemälde zugleich, ein neu zu errichtendes Gebäude in allem, das in bisherigem Sagbarem immer nur einzustürzen droht. Ein sehr poetisches, ein im Gesagten irgendwie neues Buch, das atemlos lesen macht. Welch positive Überraschung... 5 von 5 PunktenSie werden dieses Buch nicht mögen, wenn sie mit einem durchschnittlichen Thriller oder Krimi rechnen, auch nicht, wenn sie es auf die klassische "hohe Literatur" abgesehen haben. Wenn sie aber Freude an einem intelligenten Text haben, der auch noch nicht ganz anspruchslos, sogar sprachlich innovativ (und damit ist der Bachmannpreis hier absolut gerechtfertigt) und schließlich noch spannend ist, könnte Ihnen dieses Buch gefallen. Gesellschaftsterror "on the top" 4 von 5 Punkten- "Regisseur" Uwe Tellkamp präsentiert in Form eines "Romans" Germanisierungsoptimismus in "Der Eisvogel" Perspektivlosigkeit, Familienproblematiken und der Abrutsch eines intelligenten Menschens in ein Leben, fixiert auf eine revolutionsorientierte Terroreinheit. Eine nicht von der Hand zu weisende Realitätsnähe ist es, was dieser Geschichte eine fesselnde Wirkung verabreicht. Wie ein Fakir liegen die Entwicklungen bereits zu Anfang in der Luft, doch der Weg zu dem Ende ist hier das Ziel, wie bei Konfuzius. Dieser Weg wird auf sehr individuelle Tellkamp-Art nicht gerade auf dem Silbertablett serviert. Viel mehr sind die zu servierenden Stücke zerschnitten und im Raum verteilt. Um das 318 Seiten starke Ostereibuch in einen Korb zu sammeln, braucht man als Leser Energie und Ruhe. Es scheint als wäre Tellkamp ein Prajnaparamita, der das gesamte Buch mit mehreren Armen geschrieben hat. In jedem Arm eine Geschichte und abwechselnd benutzt, da jedem Arm wohl mal Ruhe gegönnt sein solle. So bestand das Jurorentum des Bachmannpreises wohl aus Menschen des Interessegebietes der alten chinesischen Thangkas-Kunst. Oder doch aus Bekennern der komplizierten Montage. Wie auch immer; Uwe Tellkamp wurde hoch gelobt und so bekam er den Bachmann-Preis. Der damit zusammenhängende Geldregen, den er von Tausenden Schülern des Zentralabiturjahrgangs gespendet bekommen hat, wird für ihn nicht nur nebenläufig sein, wie Bodyguards, auch wenn er sich solche nun leisten könnte. Man muss seinen diskutablen Schreibstil also einfach als in der Öffentlichkeit angesehen akzeptieren, da er nun populär ist und über ihn dikutiert wird. Seine Werke werden nicht Jedermann umhauen wie ein Ringer, viel mehr ist es klar individuell veranlagt. Es soll ja auch Menschen geben, die einen Rembrandt auf den Müll wandern ließen. Wenn er nicht so viel wert wäre. Ich möchte Tellkamp nicht mit Rembrandt vergleichen, aber es scheint ja so, als würden die in der Literatur Inhaftierten sein Werk hoch ansehen. Doch man kann auf keinen Fall sagen, dass er so hoch anzusehen ist, dass er unantastbar wird, wie die Luft selbst. Er hat einfach seinen unverwechselbaren Stil, wie jeder Leser bemerken wird. Nach dem Vollenden des Lesens wird also jeder etwas mit dem Tellkampischen Stil anzufangen wissen, der vielleicht schon vorher von anderen Autoren angewandt wurde, aber auch Tellkamp soll ja einen Begriff prägen dürfen. Mit diesem Stil erzählt Tellkamp nun die Geschichte von dem aus einer wohlhabenden Bankierfamilie stammende Wiggo Ritter, der ein studierter Philosoph ist, welcher in Kluft mit seinem Vater steht. Dieser ist ein tyrannischer Erfolgsmann, der die junge Generation für Waschlappen hält. Aufgrund der Perspektivlosigkeit Wiggos nach einem Streit mit seinem ihn eigentlich hoch ansehenden Professor schließt er sich einer radikalen "Einheit" an, die die Abschaffung der Demokratie anstrebt und diese durch eine radikal konservative Regierung ersetzen will. So soll die "Terroreinheit", die aus der intelligenter Bevölkerung aus vielen sozialen Schichten besteht, die gesamte übrige Bevölkerung beherrschen, was als "Utopia" durchgängig thematisiert wird. Diese Revoluvergruppe wird geführt von Mauritz, der verrückte Züge annimmt. Er und seine hübsche Zwillingsschwester Manuela ziehen Wiggo in ihren Bann. Der Schreibstil des Autors ist gewöhnungsbedürftig und es bedarf einiger Zeit, die vielen Perspektivenwechsel einzuordnen. Nachdem man sich allerdings an die Personenwechsel, die teilweise in unpassender Abfolge dargeboten werden, gewöhnt hat, werden dem Leser viele Informationen auf engem Raum geliefert. Man verliert nie den Anschluss an die Gedankengänge der Einzelnen und so wird das Werk nicht zu einem langweiligen Einheitsbrei. Denn es wird Konzentration und Kombinierungssinn gefordert, entgegengesetzt zu den allzu bekannten lahmen, chronologisch abfolgenden Hypnotikas. Es ist, als solle man ein kompliziertes Gebilde aus mehreren verschiedenen Mosaikteilen zusammenpuzzeln. Der Effekt einer Palette Red Bull wird im Kopfe des Lesers verlangt, woraufhin man annehmen kann, dass das Lesen nur mit salzsäuriger Konzentration einen Stromfluss im Caput auslöst und diesen nicht kaputt macht. Doch wie bereits erwähnt, ist der Vorteil, dass man dank dem ständigen Wechsel von den wichtigen Personen, wie auf der Bayern-Ersatzbank, nie den Anschluss verliert. Im Gehirn des Konsumenten wirkt nach jedem Personenumschwung ein Alarm, der das Gehirn aufweckt aus den vorgehenden autobahnlangen Passagen. Nun können sich die Gehirnleitungen den Stecker zu der neuen Person suchen und sich schon bereit machen für den nächsten Marathonlauf. Das Thema des Inhalts ist ansprechend, weil im aktuellen Leben vorstellbar. Die Arbeitslosigkeit von Wiggo ist ein typisches Schicksal der heutigen Gesellschaft. Der daraus folgende Anschluss an eine terroristische Vereinigung ist zwar etwas fern - aber ist es nicht gerade diese possible Lebensführung die ein Werk so schmackhaft macht? Denn terroristische Vereinigungen sind derzeit oft in den Nachrichten vertreten und somit ist es nicht auszuschließen, dass ein intelligenter, aber abgespaltener Mensch in eine solche Organisation gerät. Denn Gehirnwäsche wirkt ja im Gehirn...und da wo viel Hirn ist, kann man förmlich kästenweise Terroristen-Persil durch die Ohren und Augen einflößen und bei 180 Mitterroristen waschen. Üble Kritik und der Drang nach radikaler Umstürzung des heutigen Systems sind Merkmale von Mauritz, der wohl die Grundzüge eines typischen Terroranführers repräsentiert. Wie er auf seine Umwelt wirkt und welche Veränderungen ein solcher Mensch bei seinen Anhängern bewirken kann, ist mit der neusten Waschpulverformel von Oxi-clean zu vergleichen. Ernsthaft ein sehr umstrittenes und interessantes Thema, welches zur richtigen Zeit behandelt wurde. Ein geschickter Schachzug des Autors. Das Resultat der Anreihung von Sätzen, die die Augen zu marathonartigen Anstrengungen zwingt, und Konzentration fordert, als wenn man bei laufendem Fernseher und dunkelem Licht mathematische Formeln verstehen möchte, hat Uwe Tellkamp, wie zu Anfang erwähnt, zu dem Bachmann Preis verholfen. Seine gefühlskalten und präzisen Beschreibungen schaffen eine Athmosphäre ohne ungeklärte Fragen, aber die Emotionslosigkeit lässt die Geschichte etwas ungewürzt. Seine Redewendungen sind wohl oft übertrieben in Hinblick auf Länge und auch Formulierung. Er setzt Vergleiche an, die ein durchschnittlicher PISA-Studie-Absolvent erst einmal in den Weiten des World-Wide-Web nachforschen muss, um des Rätsels Lösung herbeizurufen. So versucht Tellkampissimo, seinem wohl nicht letztem Mahl die so vermisste Würze beizufügen. Ob diese Methode allerdings nicht das Maß an Red-Bull-Vorrat in Deutschland übersteigt, ist eine Frage, die sich in Fuschl am See gestellt werden muss. Vielleicht hätte Herr Tellkamp Tim Melzer hinzuziehen sollen, der ihm die richtige Art zu würzen beibringen dürfte. Doch möglicher Weise muss ein Leser dieses Werkes einen E.on-Anschluss für Gehirnströme haben, um dem Standart der Charaktäre der Elite zu genügen. Wer weiß ob ein solcher Sinnzusammenhang zwischen Thema und Leser gewollt ist. |
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Der Turm: Geschichte aus einem versunkenen Land von Uwe TellkampAudio CD von Dhv der HörverlagPreis bei Amazon: EUR 29,95 ISBN: 3867174156, Erscheinungsdatum: Februar 2009 |
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Die Sandwirtschaft. Anmerkungen zu Schrift und Zeit: Leipziger Poetikvorlesungen 2007 von Uwe TellkampBroschiert von Suhrkamp VerlagPreis bei Amazon: EUR 11,00 ISBN: 3518069993, Erscheinungsdatum: Januar 2009, Auflage: 1 |
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Zwischen den Zeilen. 15. Oden, Lieder, Sonette, freie Verse von Urs Allemann, Peter Geissler, Dorothea Grünzweig, Nicolai Kobus, Uwe TellkampTaschenbuch von Engeler, UDer Artikel ist derzeit nicht verfügbar, kann jedoch vorbestellt werden. ISBN: 395212589X, Erscheinungsdatum: 2000 |
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Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Cafe von Uwe TellkampGebundene Ausgabe von Faber & Faber, LeipzigDer Artikel ist derzeit nicht verfügbar, kann jedoch vorbestellt werden. ISBN: 3932545605, Erscheinungsdatum: November 2001 |
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