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Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (edition unseld) von Josef H. Reichholf

Zoom Produkt-Bild: Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (edition unseld)
Taschenbuch von Suhrkamp Verlag
Preis bei Amazon: EUR 10,00, Angebote ab EUR 2,25

4,5 Punkte, empfehlenswert. 4,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3518260057, Erscheinungsdatum: April 2008, Auflage: Originalausgabe
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3 Kundenrezensionen:

Die Natur liebt Verschwendung und Zerstörung
4 Punkte 4 von 5 Punkten
Die Natur, so scheint es, ist das Gegenbild unserer Gesellschaft. Während das menschliche Leben von Konflikten geprägt ist, herrscht in der Natur Harmonie. Während der Mensch verschwenderisch ist, setzt die Natur ihre Ressourcen optimal ein. Während der Mensch Zerstörung verursacht, befindet sich die Natur im Gleichgewicht. Die Schlussfolgerung drängt sich auf, ein großer Teil der Probleme unserer Zeit wäre lösbar, wenn wir uns die Natur zum Vorbild nehmen würden. Josef Reichholf, Professor für Ökologie in München, hat es unternommen, diese Vorstellung zu prüfen.

Alle Lebensformen, so beginnt Reichholf seine Ausführungen, verkörpern einen hohen Grad an Ordnung. Um existieren zu können, müssen sie fortwährend gegen die Zunahme von Unordnung (Entropie) in der Welt ankämpfen. Dies aber sei gleichbedeutend mit der Herstellung lokaler Ungleichgewichte. Näherten sich Lebewesen dem Gleichgewicht, gingen sie zugrunde. "Der Tod ist das Erreichen des (thermodynamischen) Gleichgewichts" (S. 39).

Die Evolution bestätige diesen Umstand. Je komplexer eine Lebensform sei, desto stärker habe sie sich von ihrer Umwelt gelöst. In besonderer Weise sei dies an jenen Tieren erkennbar, die neben dem Menschen das Höchstmaß an physischer Unabhängigkeit erreicht hätten: den Vögeln. Aus eigener Kraft könnten sie ganze Kontinente überfliegen und in die gleichen Höhen aufsteigen wie Langstreckenflugzeuge. Dafür seien sie gezwungen, das energetische Ungleichgewicht mit der Umwelt zu maximieren. "Die meisten Vogelarten ... halten ihre Körpertemperatur bei 42 Grad ganz knapp unter der Todesgrenze" (S. 84). Damit verbrauchten sie "viel zu viel Energie; das Fünf- bis Zehnfache eines gleichschweren Säugetiers und ein Vielfaches verglichen mit ihrer Reptilienverwandtschaft" (S. 42). Wenn das Prinzip vom sparsamen Umgang mit Energie in der Natur allgemeine Gültigkeit hätte, dürfte es Vögel gar nicht geben.

Was für den Stoffwechsel der Lebewesen gelte, treffe nicht minder auf ihr Verhalten zu. Wann immer sie könnten, neigten sie dazu, die verfügbaren Ressourcen komplett auszuschöpfen. Regelmäßig führe diese Strategie zum Ungleichgewicht zwischen der Zahl der Lebewesen und ihrem Nahrungsangebot und verursache schwerwiegende ökologische Einschnitte. So finde man in der globalen Nutzung der Landschaften einen charakteristischen Zusammenhang: Je attraktiver und einträglicher, desto unbeständiger (S. 70). "Wo immer es ... Massenentwicklungen gibt, da kommen auch sehr starke Schwankungen zustande. Auf gute Zeiten können rasch sehr schlechte folgen. Die hochproduktiven Zonen sind instabil" (S. 72). Demographische Zusammenbrüche seien demnach biologisch "normal". Sie gehörten ebenso zum Auf und Ab des Lebens, wie Phasen des Wachstums und der Stabilität.

Darüber hinaus seien im Verlauf der Erdgeschichte mehrfach Katastrophen aufgetreten, die zur Vernichtung eines Großteils der existierenden Arten geführt hätten. Auch sie müssten als "natürlich" betrachtet werden.

Überhaupt dürfe man sich Ökosysteme nicht wie Organismen vorstellen. Sie seien ungleich offener und nahezu unbegrenzt flexibel (S. 101). "Deshalb können Ökosysteme auch nicht wirklich geschädigt werden oder zusammenbrechen. Es gibt keine festgelegten Zustände, weil keine Instanz vorhanden ist, die solche Festlegungen trifft" (S. 51).

Diese Überlegungen machen deutlich, dass die vom Menschen verursachte Umweltzerstörung biologisch gesehen nichts Außergewöhnliches darstellt. Indem er Raubbau an der Natur betreibt, verhält sich der Mensch so, wie es alle in vergleichbaren Situationen befindlichen Arten tun. Weit entfernt davon, sich gegen die Natur zu wenden, erweist er sich gerade in seiner Rücksichtslosigkeit als ihr gelehriger Schüler. "Es mag in unserer Natur liegen, alles auszubeuten, was genutzt werden kann" (S. 79).

Zwar gebe es durchaus Ökosysteme, die sich dem Gleichgewicht annäherten, doch seien sie meist durch ausgesprochene Armut gekennzeichnet. Typisch dafür sei der amazonische Regenwald, ein "weitestgehend geschlossenes Ökosystem mit nahezu perfektem Recycling von Nährstoffen" (S. 62). Die Böden auf denen er wachse, seien seit Urzeiten ausgelaugt und fast frei von den Mineralien, die für Pflanzenwachstum benötigt würden. Infolgedessen lebten dort erstaunlich wenige Tiere. "Sie bringen zusammen kaum 200 Kilogramm pro Hektar auf die Waage, ein Fünftausendstel der Pflanzenmasse, nicht mehr" (S. 60). Dies sei weniger als ein Zehntel des Tieraufkommens in mitteleuropäischen Wäldern. Nur gezwungenermaßen, aus Not, habe sich in Amazonien der sparsame Umgang mit Ressourcen durchgesetzt.

Außerdem verlange er einen hohen Preis. Lebewesen, die mit kargen Bedingungen auskommen müssten, hätten die Tendenz, ihre Vermehrung einzuschränken. In der Regel erfolge dies auf dem Weg sozialer Unterdrückung. Ein großer Teil der Angehörigen einer Art werde von der Fortpflanzung ausgeschlossen oder falle der innerartlichen Konkurrenz zum Opfer, wie man am Beispiel der Bäume erkennen könne. "Die Ressourcen, die Bäume in ihren Stämmen ansammeln, sind den anderen, den Konkurrenten, weggenommen. ... Bäume, die schneller als ihre Nachbarn wachsen, übergipfeln diese und unterdrücken sie. Von Zehntausenden, die als Sämlinge angefangen haben, bleibt vielleicht einer übrig. Die anderen sind durch die zunehmende Konkurrenzkraft dieses einen Baumes erdrückt und verdrängt worden" (S. 76).

In der Natur dominierten also zwei extreme Formen der Ressourcennutzung: hemmungslose Ausbeutung einerseits, die Unterdrückung von Artgenossen andererseits. "Die nach menschlicher Wertung mittleren, 'vernünftigeren' Bereiche sind nicht besetzt. Daraus folgt der Schluss, dass sie unter Naturbedingungen auch nicht wirklich überlebensfähig sind. Sie stellen keine ... 'evolutionär stabile Strategie' dar" (S. 83).

Somit erweist sich die Vorstellung einer zum Vorteil aller Lebewesen im Gleichgewicht gehaltenen Umwelt als eine in die Natur projizierte politische Utopie. Würden wir uns die Natur tatsächlich zum Vorbild nehmen, müssten wir entweder die Verbrennung fossiler Energieträger massiv beschleunigen, oder eine menschenverachtende ökologische Gewaltherrschaft errichten.

Angesichts dieser Perspektive hält Reichholf es für ratsam, die beliebten Illusionen über die Natur zu begraben. Wenn wir aufhören, sie zu idealisieren, werden wir erkennen, dass wir uns in Wirklichkeit nie von ihr entfernt haben. Harmonische Lösungen für unsere Probleme gibt es nicht. Wollen wir keine ökologische Weltdiktatur, werden wir uns mit hinreichend stabilen Ungleichgewichten behelfen müssen. Welche Zustände dafür in Frage kommen, kann die Menschheit nur durch Versuch und Irrtum ermitteln. Sollte sie dabei Fehler machen und Katastrophen verursachen, folgt sie ganz dem Beispiel der Natur.
Grundprinzipien der Welt
5 Punkte 5 von 5 Punkten
Das Buch vermittelt auf knappem Raum Zusammenhänge, die nicht nur für das Verständnis der Natur, sondern auch für das sozialer Systeme von elementarer Bedeutung sind. Als Folge der Lektüre dieses überaus lesbar geschriebenen Buches stellen sich unweigerlich elementare Einsichten in die Natur der Welt ein. Unbedingt lesen!
Ein Nagel im Sarg des Denkens in Gleichgewichten
5 Punkte 5 von 5 Punkten
Gleichgewichte erfreuen sich als gedankliches Konstrukt in vielen Wissenschaften grosser Beliebtheit - ganz gewiss ist das so in der Ökonomie und in der Ökologie. In der Ökonomie bestehen seit langem Zweifel am Nutzen des Denkens in Gleichgewichten. Mit seinem Buch schürt Reichholf die Zweifel am Nutzen des Gleichgewichtsdenkens in der Ökologie.
Ich bin kein professioneller Ökologe, habe das Buch aber dennoch mit grossem Interesse und Gewinn gelesen. Besonders gefallen haben mir die klare Sprache und die Kürze des Buchs. Reichholf hat mich überzeugt, dass der Nutzen von Gleichgewichten in der Ökologie ebenso begrenzt ist wie in der Ökonomie. Insbsondere verdeutlicht Reichholf, dass Gleichgewichte als solche keinen erstrebenswerten Zustand darstellen. Offenbar gilt in der Ökologie, was in der Ökonomie schon seit geraumer Zeit bekannt ist. Dort hatte vor einger Zeit Thomas Schelling recht plastisch verdeutlich, dass Gleichgewichte nicht stets erstrebenswert sind: Wenn man einen Mann erhängt und er nicht mehr schwingt ist er im Gleichgewicht. Man wird aber nicht sagen können, dem Mann ginge es gut.
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